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Vorwort

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Das Thema Profi-SM, dargestellt durch das glitzernde Bild der herri- schen Domina in hohen Lederstiefeln, der sämtliche Männer zu Füßen liegen, wird heute breit in den Medien diskutiert. Ein Teil der Gesell- schaft steht diesen Szenarien mit Abscheu und Unverständnis gegen- über, ein Teil ist fasziniert von dem Gedanken, wie man mit solchen ar- men Geschöpfen scheinbar leichtes Geld verdienen kann. Beide Sicht- weisen sind banal. Dass der Beruf der Domina viel Wissen, harte Arbeit und beträchtliche Investitionen verlangt, wird in den klischeehaften Darstellungen gerne übergangen.

Auch ist der sich hingebende Part kein emotional verstörtes, armes Ge- schöpf, sondern ein Mensch, der den Mut aufbringt, sich seinen Phan- tasien zu stellen und sich einer Person seines Vertrauens völlig auszulie- fern und das nicht nur körperlich, sondern auch auf der psychischen Ebene. Das bedenkt niemand.

Woher auch? Das erfahren ja nur diejenigen, die sich intensiv mit SM beschäftigen und ihn auch erleben wollen. SM ist, wenn alle Grundvoraussetzungen erfüllt sind, wie ein gemeinsamer Seelenflug, ohne dass sexuelle Kontakte nötig sind. Um ihn genießen zu können, ist völliges Loslassen von Zeit und Raum, ist ein beidseitiges bedingungsloses Ver- trauen Grundvoraussetzung. Unabhängig, ob dafür bezahlt wurde oder nicht.

Der Mensch kann sich Zeit und Technik erkaufen, aber nicht dieses High- End-Gefühl, um das es im SM eigentlich geht. Wer seinen Geist nicht freilassen kann, wird das Fliegen nicht lernen. Das erfährt der aktive Teil, wenn er sich auf sein Gegenüber nicht emotional einlässt. Genauso geht es dem passiven Part, der nur die Rolle des „Passiven“ spielt, insgeheim aber nicht gerne jemandem anderen die Führung überlassen möchte. Gründe hierfür sind meistens die Angst vor sich selbst oder auch die Furcht verletzt zu werden, was nicht nur körperlich geschehen kann.

 

 

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Psychische Abstürzte im SM sind schlimm und gefährlich. Geschehen solche Abstürze dem passiven Part, so braucht es psychologisches Fin- gerspitzengefühl des aktiven Gegenübers, um ihn emotional wiederauf- zubauen. Es gibt da keinen Unterschied zwischen dem privaten Spiel und der bezahlten SM-Dienstleistung.

 

Als ich September 2003 meine ersten zarten Versuche in die Profi-Welt begann, sah ich Handlungen, die andere lediglich aus finanziellen Grün- den taten. Emotional war so etwas für mich persönlich schwer zu verar- beiten. Was mich anfangs belastete, hatte nichts mit dem Demütigen und Schlagen von Menschen zu tun. Auch wenn mich einige Albträume heimsuchten, waren es Erfahrungen, die durchaus wertvoll für mich und meinen weiteren Werdegang waren.

In meinem Buch möchte ich im Detail die Geschichte erzählen, die ich auf dem Weg in den Profi-SM erlebt habe. Von Anfang an möchte ich Sie in eine Welt begleiten, von der die meisten nur in groben Zügen be- richten. In akribischer Kleinstarbeit versuchte ich meine Erinnerungen möglichst chronologisch und ehrlich wiederzugeben.

 

Durch Recherchen in alten Fotos, alten SM-Führern und Erinnerungen von einigen beteiligten Personen, die gelegentlich in der Geschichte auf- tauchen, ist mir das, glaube ich, ganz gut gelungen. Zur Bewahrung der Diskretion sind selbstverständlich alle Namen verfremdet.

Davon, dass nicht alles eitler Sonnenschein war und ich viele Fehler ge- macht habe, möchte ich genauso berichten wie über meine Erfolge. Ich möchte alles so ungeschönt und tabulos erzählen, wie es sich zutrug und so, wie ich es empfand und erlebte.

Ich spickte mir aus all den vielen SM-Erlebnissen, Sessions und Men- schen jene heraus, die mir nicht nur nachhaltig in Erinnerung geblieben sind, sondern auch solche, an denen man auch gut die breite Palette des Sado-Masochismus darstellen kann. Es sind einige außergewöhnliche

 


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Phantasien dabei, die wahrscheinlich nicht jeder nachvollziehen kann o- der sogar von Grund auf ablehnt. Aber jedes Spektrum der Phantasie hat seine Berechtigung, verdient Toleranz und gehört zum Menschsein dazu. Genauso wie die unterschiedlichen Umgangsweisen mit seiner Neigung. Einige erfreuen sich ihrer, andere haben große Probleme mit ihrer Veranlagung. Einige fühlen Dankbarkeit nach ihren Sitzungen, an- dere konsumieren Sessions, rechnen auf und versuchen das finanziell Beste für sich herauszuholen. Andere leben ihre Phantasien nur am Te- lefon aus oder machen sich einen Spaß daraus – warum auch immer, Schein-Termine zu vereinbaren.

 

Ich erzähle von Menschen, die mir am Herzen lagen, von jenen die mich belogen und betrogen haben, von Begegnungen, die in Freundschaften münzten und die immer noch bestehen, von Sessions, die absolut in die Hose gingen und von SM-Erlebnissen, die einzigartig waren. Ich erzähle vom Mythos des schnellen Geldes und wie es in der Realität wirklich aussieht, von Kontakten mit den Behörden, die mich fast zur Verzweif- lung brachten.

Berichten möchte ich auch von privaten Erlebnissen und von Herausfor- derungen, die nicht nur viel Kraft kosteten, sondern auch sehr prägend waren.

Ich erzähle Ihnen von der Achterbahn der Gefühle, die das Leben er- weckt.

Alles, was Sie lesen werden, hat sich genauso zugetragen. Nehmen Sie sich Zeit, hinter dem Vorhang zu spitzeln, und werden Sie Zeuge der ver- schiedensten Neigungen, Intrigen und kuriosesten Situationen.

 

 

 

 

 


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Kapitel 1 – Eine neue Welt

 

Im Mai 2003 eröffnete ich einen kleinen Dessous-Laden. Ich wurde ge- rade 26 Jahre alt. Vorher hatte ich eine Ausbildung als Bürokauffrau ab- geschlossen. Diese Ausbildung wurde von dem Verein eines Lehrer-Zu- sammenschlusses organisiert, der für schwer vermittelbare Jugendliche Betriebe suchte, in denen sie eine Ausbildung absolvieren konnten. Auf- grund meines flippigen Erscheinungsbildes im düsteren Gothic-Look und meinem, durch verschiedene Aushilfstätigkeiten geprägten, etwas wilden Lebenslauf galt ich als schwer vermittelbar. In dieser Zeit herrschte ein extremer Mangel an Ausbildungsstellen am Arbeitsmarkt und die Bewerberzahl auf freie Stellen war entsprechend hoch.

Der Verein verschaffte mir die Chance, diesen Beruf zu erlernen. Die Ausbildung geschah in mehreren verschiedenartigen Betrieben, die ich jeweils für ein Jahr besuchte. Das erste Unternehmen verkaufte Spiel- automaten an Kneipen, Spielhallen und Automatenaufsteller. Der zweite Betrieb stellte hochwertige Kabel her. Die dritte und letzte Sta- tion der Ausbildung sollte in einem Architekturbüro stattfinden.

Im ersten Jahr betreute ich die alte, aufgestaute Ablage der Firma und absolvierte parallel die normale Berufsschule. Im zweiten Betrieb durchzog ich dann die verschiedenen Bereiche der Kabelfirma vom La- ger bis hin zu Buchhaltung, so wie es in einer normalen Ausbildung ge- handhabt wird.

Durch die guten schulischen Leistungen konnte ich die Ausbildungszeit um ein Jahr verkürzen und ersparte mir die letzte Station in dem Archi- tekturbüro.

In der Kabelfirma herrschten menschliche Zustände wie im Mittelalter. Die Mitarbeiter wurden von dem Chefehepaar wie ihr Eigentum behan- delt. Die Chefetage riss mit „dringenden Anliegen“ die Angestellten re- gelmäßig aus ihrer Mittagspause. Eine Mitarbeiterin aus der Buchhal- tung erlitt einen Herzinfarkt und bekam die Kündigung direkt ins Kran-

 


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kenhaus gesandt. Die Firma hatte eine hohe Fluktuation von Angestell- ten, die sich nach kurzer Zeit anderweitig bewarben, sofern es ihre Qua- lifikation zuließ. Bevorzugt hatte man Personen eingestellt, die in einem gewissen Abhängigkeits-Verhältnis standen, so dass sie sich vieles ge- fallen ließen. Alleinerziehende Mütter und Menschen mit schwierigen Biographien waren die erste Wahl. Die Vertreter verließen die Firma schneller, als sie eingestellt wurden.

Bei den chinesischen Produktionspartnern wurde ich gerne als interes- santer Exot bei Firmentreffen integriert. Die asiatischen Geschäfts- partner waren von meinem Makeup und den Piercings völlig fasziniert. Das ging solange gut, bis ich dem Chefehepaar irgendwann ein Dorn im Auge war. Ich nahm regelmäßig die Kolleginnen aus der Buchhaltung zur Mittagspause in ein nahegelegenes Café mit. Außer Haus waren die Kolleginnen nicht mehr so einfach abgreifbar für die Chefs wie im Pau- senraum.

Um ihren Unmut darüber klarzustellen, wurde ich drei Wochen vor der IHK-Abschlussprüfung zwangsbeurlaubt. Als Grund nannte man „priva- tes Surfen im Internet“.

Die Berufsschule schloss ich in den meisten Fächern mit „gut“ ab. Ich hatte nur einige Diskrepanzen mit der Religionslehrerin. Sie vertrat die Ansicht, dass der Film Matrix unter religiösen Gesichtspunkten verstan- den werden sollte. Die Dreifaltigkeit Gottes wäre durch die Figuren Morpheus, Trinity und Neo charakterisiert.

Diese Interpretation konnte man sich vielleicht noch gefallen lassen. Aber als sie in einer ihrer Stunden den Schülern kleine Puppen in die Hände drückte und verlangte, damit religiöse Darstellungen nachzuah- men, war mir das mit meinen 24 Jahren doch zu viel. Der Revoluzzer- Geist kochte in mir auf. Durch einige blasphemische Darstellungen, die mir spontan einfielen, kippte ihr Unterricht völlig ins Lächerliche.

Ab da mochte sie mich nicht mehr. Bei meiner Geschichte des Luzifers, der als gefallener Engel Gottes aus dem Himmelreich verbannt wurde und eigentlich nichts Böses im Sinn hatte, standen ihr alle Haare zu

 


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Berge vor Entsetzen. Die viel jüngeren Schüler hingen an meinen Lip- pen, um die Geschichte weiter zu hören. Die Religionslehrerin fand meine Erzählung aber nicht ganz so gut und verbot mir den Mund.

Genau zu dieser Zeit rührte ein Satanisten-Mord die Presse auf. Das Pär- chen, das einen Ritual-Mord beging, kam auch noch aus der Gothic- Szene. Unsere ständigen Diskrepanzen führten dazu, dass sie mich bei unserer letzten gemeinsamen Unterrichtsstunde vor allen anderen Schülern mit sorgenvollem Blick fragte: „Was machst du denn, wenn du fertig bist? Was soll nur einmal aus dir werden?“

Ich war nicht wirklich auf den Mund gefallen und amüsierte mich könig- lich an ihrem klischeehaften Schubladendenken: „Ich möchte Domina werden. Aber das wird leider nichts. Da muss man sich als Sklavin hoch- arbeiten. Daran wird es dann wohl scheitern.“

SM war für mich kein Fremdwort, auch wenn ich persönlich nichts mit dieser sexuellen Spielart zu tun hatte. Den ersten Kontakt mit SM hatte ich schon mit 18 Jahren bei SM-Partys, die in einem Gothic-Club regel- mäßig stattfanden. Mich interessierte vor allem die Musik, die dort ge- spielt wurde. Die Aktivitäten der anderen Teilnehmer wurden von mir nicht recht wahrgenommen. Für mich war das eine ganz normale Ver- anstaltung bis auf den Unterschied, dass der Eintritt immer 15 statt 5
Mark kostete. Gothic und SM gehörten irgendwie zusammen und man hat darüber auch kein großes Aufsehen gemacht. Es war einfach nor- mal.

Als ich die Ausbildung abschloss, erübrigte sich natürlich die Frage, ob ich in der Kabel-Firma bleiben konnte oder nicht. Ich bestand die Prü- fung bei der IHK, und danach musste ich mich arbeitslos melden.

Mit den üblichen Studentenjobs, die ich vor der Ausbildung immer be- kam, versuchte ich mich über Wasser zu halten. Doch galt ich jetzt als überqualifiziert und für den erlernten Beruf reichte es nicht. Mir fehlte die dreijährige Berufserfahrung.

Vor der Ausbildung hatte ich in einem Erotikladen gearbeitet und ließ mich von dort aus nach Köln versetzen. Der zuständige Bereichsleiter

 


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mochte mich und schätzte meine geleistete Arbeit. Er erfüllte mir den
Wunsch, in der neuen Kölner Filiale zu arbeiten.

Nun herrschte aber in dem Kölner Laden ein anderes Betriebsklima, als ich es sonst gewohnt war. Der Filialleiter hatte Probleme mit der Tatsa- che, dass ihm der Bereichsleiter ohne Rücksprache einfach jemanden in seinen Laden gesetzt hatte. Auch seine Mitarbeiterin sprach dem zu. Beide mobbten mich und intrigierten gegen mich. Schlussendlich durfte ich nur noch in der unteren Verkaufsfläche aufpassen, dass nichts ge- klaut wurde. Nach drei Monaten entschloss ich mich, wieder in die Hei- mat zurück zu  kehren. Das  Ein-Zimmer-Appartement  übernahm für mich eine Freundin, die unbedingt nach Köln ziehen wollte.

Meine Erfahrungen aus Köln inspirierten mich nun zu der Idee, selbst ein Geschäft für Dessous und Erotikartikel aufzubauen. Auf pornogra- phische Medien wie Magazine und DVD Filme wollte ich allerding ver- zichten.

Nachdem ich einige Gründerseminare als Vorbereitung zur Selbststän- digkeit besucht hatte, bürgte mein Vater für ein Darlehn. Wie es das Schicksal wollte, fand ich auch den idealen Ladenstandort.

Mein damaliger Lebensgefährte Christian, der zu dem Zeitpunkt in die Arbeitslosigkeit rutschte, half mir beim Renovieren und beim Aufbau des Geschäfts.

Pünktlich zum gewünschten Eröffnungstermin glänzte der Laden frisch renoviert und wurde mit Ware bestückt. Die ersten Umsätze klingelten in der Kasse und wir sahen zuversichtlich in die Zukunft. Leider entwi- ckelte sich dieses Jahr auch zu jenem des Jahrhundertsommers. Bei über 40 Grad angestauter Dauerhitze gingen die Geschäfte in den Som- mermonaten gar nicht gut.

Die Tatsache, dass die Kundschaft auch immer nach besonderen Bestel- lungen verlangte, tat ihr Übriges, um mir das Einzelhandelsgeschäft nicht leicht werden zu lassen. Die bestelle Ware wurde, trotz Anzah- lung, meistens nicht abgeholt. Die zuverlässigsten Kunden kamen aus der Erotik-Branche.

 


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Die Frauen aus dieser Branche betraten das Geschäft, probierten an und kauften. Völlig unkompliziert. So lernte ich eine junge Prostituierte näher kennen, die in Begleitung eines Laufhausbesitzers meinen Laden aufsuchte.

Die Frau fragte mich, ob ich denn nicht auch an ihren Arbeitsplatz Be- kleidung für sie und ihre Kolleginnen liefern könnte. Ohne lange zu überlegen, nahm ich ihr Angebot an. Ich bewaffnete mich mit sämtli- chen Katalogen, die ich vorrätig hatte, und machte mich auf den Weg in die hiesige Laufhausstraße.

Gerüchteweise wurden dort fremde weibliche Wesen als Konkurrentin- nen angesehen und angefeindet, sobald sie die berüchtigte Straße be- traten. Mit dieser düsteren Legende im Hinterkopf musste ich mich zu- erst überwinden, die Absperrung in die verruchte Zone zu überqueren.

Die Laufhausstraße war trotz der eintretenden Dunkelheit nicht ganz so belebt. Gelegentlich durchstreiften einige Männer, entweder in Grup- pen oder vereinzelt, die Gasse. Die Schaufenster der sich anbietenden Damen waren beleuchtet. Die Frauen standen Spalier und sobald ein Mann vorbeilief, setzten sie sich mit aufreizenden Posen in Bewegung, um ihre potentiellen Kunden zu animieren, damit sie nähertraten. Mich ließen sie außer Acht. Ich huschte möglichst geschwind an ihnen vorbei.

Als ich die richtige Laufhausnummer erreichte - sie befand sich in der Mitte der Straße -, zögerte ich einen Augenblick hineinzutreten. Für ei- nen kurzen Moment verließ mich die Courage. Nach einem tiefen Atem- zug fasste ich allen Mut zusammen und trat ein. Der Geruch, der mir als erstes auffiel, war undefinierbar. Der vertraute Mief eines Treppenhau- ses mischte sich mit den Düften verschiedenartigster Parfüms. In jeder Etage verwinkelten sich mehrere Zimmer, die teils verschlossen waren und teils offenstanden. Die dort tätigen Damen saßen auf einem Hocker vor ihrem Zimmer, rauchten und warteten auf Kundschaft.

Anhand der Zimmernummer und der genauen Beschreibung, wo ich die junge Kundin in dem riesigem Komplex ausfindig machen konnte, ging ich hoch in die dritte Etage. Gelegentlich kreuzten vorübergehende Männer meinem Weg, die den einen oder anderen Blick in die Zimmer

 

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oder zu den Damen hinwarfen und unverrichteter Dinge wieder abzo- gen.

Irgendwann fand ich die junge Kundin auf einem Hocker vor ihrem Zim- mer.

Erfreut begrüßte sie mich und bat mich einzutreten. Die Tür ließ sie of- fen, falls ein Interessent für sie erscheinen würde.

Das Zimmer enthielt ein großes Bett, einen kleinen Tisch mit Stuhl und eine Waschgelegenheit. Sie hatte den Raum ganz nach ihrem Ge- schmack dekoriert und ihm eine persönliche Note verliehen. Wahr- scheinlich wohnte sie auch dort. Die meisten Damen nutzen ihre Zim- mer auch als Unterkunft. Soweit ich mich erinnere, kostete die Tages- miete zwischen 120 und 150 Euro. Die Benutzung des Aufenthaltsrau- mes mit einer großen Küche, Security und Hausmeister Service waren im Preis enthalten. In jedem Zimmer gab es ein Notfallsystem, das die Security alarmierte, sollte es Probleme mit einem der Kunden geben.

Die junge Frau bestellte einige Artikel wie Wäsche, Strümpfe und Schuhe. Nachdem wir das erledigt hatten, schickte sie mich den Gang hinauf zu einer Kollegin, die ebenfalls bestellen wollte. Sie erwartete mich schon im Kreise anderer Damen, die auf ihrem Bett Platz genom- men hatten. Ich konnte einen umfangreichen Auftrag verbuchen. Die Artikel sollte ich gleich nach Lieferung vorbeibringen. Anscheinend war es praktischer für die Damen, auf diesem Weg die nötigen Bekleidungen zu bekommen, als sich selbst in die Stadt zu begeben und ihre Arbeits- zeit zu opfern.

Die Damen des Laufhauses, die hier ihren Lebensunterhalt erwirtschaf- ten, vertraten verschiedene Nationalitäten, Meine junge Kundin kam aus Deutschland. Sie hatte vor kurzem ihren 18ten Geburtstag gefeiert. Ihr jugendliches Äußeres präsentierte sie in Schulmädchen-Kleidung mit passenden seitlichen Zöpfen. Als Begründung, warum es sie schon mit so jungen Jahren in ein Laufhaus verschlagen hatte, nannte sie mir die Verdienstmöglichkeiten. Hier konnte sie genügend Geld verdienen, ohne dass eine Ausbildung von Nöten sei. Sie versicherte mir, dass sie gut mit ihren Kunden zurechtkäme.

 

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Als die Bestellungen eintrafen, machte ich mich erneut auf den Weg in die Laufhausstrasse. Inzwischen wurde das zur Routine. Auch den Be- sitzer des Laufhauses lernte ich nun besser kennen und fand ihn recht sympathisch. Im Aufenthaltsraum des Bordells saß er öfter und pau- sierte mit den Damen, die sich bei ihm eingemietet hatten. Er bot mir eine Führung durch das ganze Haus an. Wir kamen dabei auch in den Keller, wo sich der SM-Raum befand. Ich verkaufte auch einige SM-Ar- tikel wie Peitschen, Manschetten und anderes Fessel-Equipment im La- den und fand daher den Raum am interessantesten.

Der Laufhausbetreiber bot mir an, den SM-Raum zu mieten, falls ich da- ran Interesse haben sollte, das Thema zu vertiefen. Das Angebot lehnte ich dankend ab. Ich hatte damals noch keine Ahnung von der Materie und schon gar kein Interesse, in einem Laufhaus zu arbeiten. Das ging mir dann doch etwas zu weit.

Es interessierte mich aber schon, ob eine Domina wirklich keine Intim- kontakte mit ihren Kunden ausübte. Der Laufhausbetreiber winkte ab. Er erklärte mir, ohne Intimkontakte funktioniere gar nichts.

Dann klagte er die allgemeine Wohnungsprostitution an. Mit dem Be- griff wird die Prostitution in privaten Wohnungen bezeichnet. Seine Vermietungen litten darunter sehr und immer mehr Frauen böten sich dort tabulos an.

Tabuloser Service wurde in seinem Hause nicht geduldet. Seiner Mei- nung nach käme keine Prostituierte, die etwas auf sich hielt, auf die Idee, sich küssen zu lassen oder gar ohne jeglichen Schutz Geschlechts- verkehr und Oralverkehr anzubieten. Er erklärte mir, dass es Schutzfo- lien für die Geschlechtsteile der Frau für den Oralverkehr gab. Schon der Verzicht auf Schutzfolien galt als tabulos.

 

Nach seiner Führung in diese verborgene Welt nahm ich die bestellte Ware, die ich im Aufenthaltsraum abgestellt hatte, an mich und brachte sie nach und nach an die Frau. Zu guter Letzt kam meine junge Kundin dran, die sich auch an diesem Abend als Schulmädchen mit Zöpfen und

 


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kariertem Röckchen auf ihrem Hocker präsentierte. In ihrem Zimmer legte ich die Bestellungen und weitere Kataloge auf das Bett. Sie setze sich zu mir und begann die neuen Angebote zu durchstöbern.

Auch diesmal hatte sie die Türe nicht zugemacht und gelegentlich schaute ein Herrenkopf neugierig herein. Immer versuchte sie dann, die Herren zu motivieren, doch etwas länger zu bleiben. Ich nahm es nach dem dritten Mann schon gar nicht mehr zur Kenntnis. Als ein Gespräch etwas intensiver wurde, musste ich doch mal aufschauen. Die Stimme kam mir so bekannt vor. Und wer stand an der Türe und versuchte mit dem jungen Mädchen ins Geschäft zu kommen? Einer meiner ehemali- gen Lehrer aus der Berufsschule. Ach du Schande! Unsere Blicke trafen sich für zwei Sekunden. Seine Augen weiteten sich und nach einem Wimpernschlag verschwand er höchst peinlich berührt. Das war ja eine Nummer. Er ist Lehrer und geht zu einer jungen Prostituierten, die sich wie ein Schulmädchen kleidet.

Es wunderte mich nun nicht mehr, dass er die jungen Mädchen in der Klasse bevorzugt hatte. Ich selbst bin mit ihm gut zurechtgekommen, auch als Älteste, die keine Attitüden der Hilf- und Schutzlosigkeit auf- wies.

 

Kontakt hielt ich noch zu der Freundin, die mein Kölner Appartement übernommen hatte. Wir telefonierten gelegentlich. In einem unserer Gespräche erzählte sie mir von der Idee, sie wolle sich in einem Domina- Studio bei einer Baroness bewerben.

Ich hielt diese Idee für eine ihrer schlechtesten, mit der sie je angekom- men war. Die Vorstellung, man müsse sich im BDSM-Bereich als Sklavin hocharbeiten, um die passive Seite besser zu verstehen, war immer noch präsent bei mir. Die Erzählungen des Laufhausbetreibers, dass auch Dominas Intimkontakte anboten, taten ihr Übriges, damit ich mir Sorgen machte. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon die Freundin im Kölner Sumpf versinken.

 

 


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Ob meine Bedenken und Argumente sie letzten Endes bewogen hatten, ihre Idee fallen zu lassen, blieb ihr Geheimnis. Sie selbst war recht sprunghaft mit ihren Zukunftsplänen.

Mich ließ das Thema SM nicht mehr los.

Der Kontakt zu der jungen Prostituierten brach gerade so schnell ab, wie er gekommen war. Es gab keinen Grund mehr, in das Laufhaus zu gehen. Die anderen Damen kannte ich nicht näher. Auch wechselten sie recht schnell ihre Wirkungsstätten. Hohe Fluktuation scheint in dieser Branche gang und gäbe zu sein. Die Kundschaft agiert nach dem Jäger- und Sammler- Prinzip und ist stets auf der Suche nach neuen Errungen- schaften.

Aus diesem Grund tauchte die junge Prostituierte eines Tages wieder in meinem Laden auf. Ihr Umsatz in dem Laufhaus ließ nach und sie suchte eine andere Wirkungsstätte. Sie fragte mich, ob ich sie zu einem Nobel- etablissement in eine andere Stadt fahren könnte. Sie erhoffte sich durch einen Ortswechsel mehr Kundschaft. Sie besaß selbst keinen Füh- rerschein. Der Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschien ihr zu umständlich. Also fuhr ich sie dahin.

Der Platz ihrer Wünsche war eine eindrucksvolle Villa. Die Zimmer wa- ren auf das edelste eingerichtet und der Empfangsraum einer Königin würdig. Völlig erschlagen von der Noblesse dieses Etablissements fuhr ich sie wieder zurück in den Laden. Ob sie dort jemals anfing, blieb für mich ungeklärt.

Ich konnte die Kundschaft im Laden bald nicht mehr ertragen. Das stän- dige „einen Zentimeter mehr oder weniger, dann wäre es ja perfekt und ich würde es kaufen“ oder „Das legen sie bitte zurück, ich überlege es mir noch einmal“ machten mich wahnsinnig. Der Einzelhandel ist ein undankbares Geschäft, zudem ich die Ware in Vorauskasse bezahlen musste und das alleinige Risiko trug, ob ich die Ware verkauft bekam oder nicht. Gerade der Hersteller für Dessous aus Italien traf die Kon- fektionsgrößen der deutschen Figuren meistens nicht. Die Dessous, die ein sehr schönes Design hatten, fielen eher zu graziös aus. Oder etwas

 


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direkter ausgedrückt: Der überwiegende Anteil der Kundinnen war zu unförmig für italienische Wäsche!

Die berufliche Langeweile zog ein und somit auch der Gedanke nach neuen Herausforderungen. In den vergangenen Wochen hatte ich viele Eindrücke im sogenannten Rotlicht-Milieu gesammelt und erfahren, dass das Milieu nicht ganz so schlecht war wie das in den Medien ver- mittelte Klischee. Je näher man mit der Szene vertraut wurde und die Personen und ihre Geschichten kennenlernte, umso mehr Verständnis empfand man für die Branche. Die meisten der Frauen führten diese Tätigkeit aus, um Geld zu verdienen, ihre Familien zu ernähren, und es gab auch einige, die einfach Spaß daran hatten.

Dass es auch Zwang und dunkle Geschichten gibt, sollte einem aller- dings bewusst sein. Von derartigen düsteren Machenschaften zeigte sich mir kein einziges Beispiel. Weder in den Erzählungen der Frauen im Laufhaus noch durch Erfahrungen in meinem Laden, in dem das Milieu gerne eingekaufte.

Die Peitschen, Seile und Fesselutensilien, die im Laden aufgereiht hin- gen, inspirierten mich zu näherer Beschäftigung mit dem Thema SM. Nach dem Durchstöbern einiger Internetseiten kam ich immer mehr auf den Geschmack, das Gelesene selbst auszuprobieren. Davon, dass für mich nur die aktive Ausübung in Frage kam, musste ich Christian nicht groß überzeugen. Ich fand keinen Gefallen daran, mich demütigen und sexuell nötigen zu lassen. Noch nicht mal zu sogenannten „Ausbildungs- zwecken“, die als Erfahrung dienen sollten, die passive Seite besser zu verstehen. Mit der privaten Szene hatte ich mich noch nie auseinander- gesetzt.

Jetzt wollte ich einmal Erfahrungen in einem professionellen SM-Studio machen.

An einem ruhigen Nachmittag durchforstete ich das Internet nach sol- chen Etablissements. Drei Seiten hatte ich auf Anhieb gefunden. Auf der ersten sah ich mir die Auflistung des Teams an. Es fiel mir gleich ein Name auf, den ich einmal in einem Gespräch vernommen hatte.

 


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„Herrin Nadja - strenge Domina.“

Von ihr hatte ich gehört, dass sie ihren ganzen Hofstaat beim Einkauf hinter sich herzog und alles wuschelig machte. Sie wurde als arrogant und hochnäsig beschrieben. Sie behandelte jeden von oben herab. Das Studio fiel somit aus dem gesuchten Raster.

Das zweite Studio war vom ersten Eindruck sehr nobel und anspre- chend. Ich überflog die ersten Seiten und konnte mit allen Begriffen, die hier aufgelistet wurden, rein gar nichts anfangen. Als ich auf die „Joban- gebote“ stieß, gab es folgende Kategorien:

Domina – nur mit mehrjähriger Erfahrung

Bizarr-Ladys: jung, schlank für aktive/ passive Sessions mit Intim-Kon- takten gesucht

Sklavinnen: gut belastbar gesucht

Das bestätigte meine Vermutung, dass sich Anfängerinnen zumindest als sogenannte „Bizarr-Lady“ hocharbeiten mussten, bis sie genügend Erfahrungen gesammelt hatten, um „befördert“ zu werden. Das Studio kam somit auch nicht in Frage.

Blieb noch Möglichkeit drei übrig. Diese Seite unterschied sich erheblich von den anderen. Sie machte einen bunten und wilden Eindruck. Die Informationen und Bilder waren so unübersichtlich, dass man schon fast einen Wegweiser brauchte, um nicht den Überblick zu verlieren. Die  Texte  versprühten  einen  kameradschaftlichen  und freundlichen Geist. Auch hier gab es die Rubrik Jobangebote. Es hieß dort: „Ruf an, komm vorbei und du wirst nach deinen Vorstellungen angelernt.“

Das war schon interessanter. Es las sich nicht so von oben herab, wirkte nicht überheblich und klang offen, ehrlich und auf Augenhöhe. Ich hatte sofort das gute Gefühl, bei der richtigen Adresse gelandet zu sein. Die Wahl war getroffen.

Die Handynummer von der Madame wurde schnell ins Handy geschrie- ben. Dort blieb sie erst mal eine Weile ungenutzt. Den Schneid anzuru- fen, fand ich nun doch nicht so leicht, wie ich es mir vorgestellt hatte.

 

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Der Anruf wurde von Tag zu Tag verschoben und manifestierte sich im Hintergrund meiner Gedanken. Eines Tages hatte ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und rief mit unterdrückter Rufnummer an. Es kam ein Freizeichen. Als sich eine Frauenstimme meldete, legte ich auf.

Der Mut hatte mich genauso schnell verlassen, wie er gekommen war. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich es nicht wagte, etwas zu sa- gen, sondern mich in die Feigheit flüchtete.

Ich kann bei jedem Gast verstehen, was in ihm vorgeht, wenn er das erste Mal in einem Studio anruft oder persönlich vorstellig wird. Man hat einfach die Hosen voll und zwar meist vor sich selbst und der eige- nen Courage. Man muss es ja auch nicht unbedingt tun. Es ist ja freiwil- lig. Wenn man es aber nicht tut, dann spukt das Ungeschehene wie ein böser Geist im Kopf herum. Und der Gedanke ist stets präsent. Mir ging es jedenfalls so und vielen anderen wird es in ähnlichen Situationen ge- nauso gehen.

Beim dritten Versuch nahm ich mir fest vor, endlich den Schritt zu wa- gen. Nach dem dritten Freizeichen meldete sich eine Stimme: „Hallo“.

Das innere Motivations-Mantra noch im Gehör, fühlte ich mich zu allem bereit. Nach einem tiefen Atemzug erzählte ich der fremden Frau mein Anliegen. Das Gespräch wurde recht knapp gehalten, was mir durchaus entgegenkam. Für nähere Fragen am Telefon hätte ich auch gar keinen Kopf gehabt. Ich war so nervös, dass ich es gerade schaffte, die Adresse, die Uhrzeit und das Datum zu behalten, das ich mit der Frau am Telefon für ein persönliches Kennenlernen ausgemacht hatte.

Die Aufregung des bevorstehenden Termins wurde immer größer. Sonntagsabends konnte ich fast nicht mehr einschlafen. Der Termin war montags um 11 Uhr in Madames Studio.

Recht gefasst fuhr ich zu der benannten Adresse und parkte im Hinter- hof. Unter Spannung und mit Herzklopfen klingelte ich an dem Schild mit der Aufschrift „Studio“.
 

LESEPROBE